Als "Vulkanforscherin" geht Valeska Peschke auf Baustellen, um sich mit geologischer
Akribie an das Objekt ihrer Begierde anzunähern. Sie ist fasziniert von
der Dynamik und von der Energie, welche die Dinge und die Gedanken in Bewegung
halten. Dafür benutzt sie das Vokabular der Vulkanologie und die Verschiebung
der Vulkanmetapher nach Berlin. "Ich habe", schreibt Peschke, "am Potsdamer
Platz und am Gleisdreieck den gigantischen Materialstrom aus der Stadt hinaus
beobachtet und über einen längeren Zeitraum hinweg den Verlauf von
Höhenringen von Vulkanen mit schwarzer und roter Farbe auf die Erdformationen
aufgetragen."
Als Reiseführerin geht die Künstler-Forscherin mit Interessierten
auf die Großbaustelle, läßt Gesteinsproben sammeln, teilt
Kameras zur Dokumentation aus und bringt Aufkleber auf Bauschildern an, um
vor Vulkangefahr zu warnen. Bei den "Stadtführungen zu den Vulkanen in
Berlin" werden Nicht-Orte zu Reisezielen umfunktioniert. Mit Hilfe eines Pyrotechnikers
gibt es Vulkanausbrüche zu sehen. "Wobei", wie es die Künstlerin
im Gespräch zu bedenken gibt, "Reisender und Modell sich ständig
ändern können." Beim Aufzeigen der Erdgeschichte meint die Vulkanforscherin:
"Ohne Vulkane kein Leben."
Beatrice Stammer: Der Katalog zu deinem Projekt "Vulkane in Berlin"
trägt im Untertitel die Zeile "Ein Reisebuch". Hier fallen mir zwei Dimensionen
ein: die Zeit und das Erinnern. Ich denke an Goethes italienische Reise und
Alexander von Humboldts Vulkan-Expeditionen. Humboldt ging es ähnlich wie
Goethe um Anschauung, vornehmlich um das Gewordene, nämlich Natur, Landschaft
und menschliche Lebensgemeinschaft auf der Grundlage gesammelter Fakten sichtbar
zu machen. Warum hast du diesen Titel gewählt?
Valeska Peschke: Eine Folge von Naturkatastrophen ist für Menschen immer
noch unberechenbar und für eine Stadt verheerend. Strukturen werden mit
einem Mal überlagert. " Vulkane in Berlin" ist ein Manifest.
Ein Thema und eine Metapher für die Behandlung des Umbruchs in Berlin.
Warum eine Reise?
Das faßt eigentlich alles zusammen, die Reise. Das ist die Idee des Modells:
Menschen werden tätig, was in der Bewegung nachvollzogen werden kann.
Es ist nicht ein Werk, sondern setzt sich aus vielen Facetten zusammen, so
wird Zeit beschreibbar oder beschritten, also ein Ablauf wird tatsächlich
erlebt. Ich fand eine Kombination aus Arbeiten im öffentlichen Raum und
Erleben wichtig. Ich gebe den Ausgangspunkt mit diesem Reisebuch vor, und jeder
kann damit durch die Stadt fahren und seine Geschichte weiterentwickeln und
darin leben.
Die Metapher Vulkane für den aktuellen Umbruch Berlins zu nehmen finde
ich außerordentlich spannend. Du begreifst den 9.11.89 als Ausbruch,
als Zusammentreffen zweier Kontinentalplatten - zugeschüttete Geschichte
wird sichtbar, topografische Veränderungen wahrnehmbar. Eine Kritikerin
schrieb "ein grauer Schleier von Asche liegt auf der Spandauer Vorstadt". Ein
schönes Bild. War der 9.11.89 der Beginn der Vulkan-Arbeit?
Mein Beginn lag eigentlich erst zwei Jahre später, 1991/92, als klar wurde,
was in Berlin passieren wird. Allein die ersten Nennungen "27 Großbaustellen
in der Friedrichstraße", das waren Dimensionen, die sich niemand vorstellen
konnte. Und deshalb war mir der Vulkan als Vergleich recht. Ich denke, Berlin
wird irgendwann zugebaut sein. Mir geht es darum, daß man diesen Vulkan
in Gedanken weiterhin glühend erhält, das ist der eigentliche Sinn
dieser Reise. Vielleicht auch eine geistige Grundlage zu schaffen. Architektur
finde ich nicht besonders vulkanisch, aber die Menschen können es sein.
Du hast eine Kunstreise als Reiseführerin mit Interessierten zur Großbaustelle
Potsdamer Platz unternommen und hast die Reisenden Gesteinsproben sammeln lassen.
Es gab mit Hilfe eines Pyrotechnikers Vulkanausbrüche zu sehen, eine sehr
unmittelbare Kunst im Stadtraum. Wie war die Reaktion der Beteiligten?
Sie waren beeindruckt von diesen ungeheuren Erdmassen. Das Sammeln der Steine
war ganz wichtig, das Eingreifen in diesen Prozeß, um ein Teil dieser
Geschichte zu werden. Die rauchenden Vulkane waren dann fast selbstverständlich.
Das Thema Vulkan ist ein sehr globales. Es geht um die Entwicklung der Erde,
das Erforschen des Erdinnern und sein Zusammenhalt im Kosmos. Es geht um Zeit
und Material, Druck und Spannung, Gase und Hitze. Was interessiert dich an diesem
Thema?
Ich habe einen Stich aus dem 17. Jh. von A. Kirchers gesehen. Es ist ein wissenschaftlich
nicht mehr aktuelles, aber ein schönes Sinnbild des globalen Zusammenhaltes:
eine Kugel mit einem feurigen Kern; die Vulkane auf der Oberfläche sind
durch unterirdische Kanäle mit dem glühenden Mittelpunkt verbunden.
Diese Kraft hat mich fasziniert, die von einem Punkt in der Erde kommt. Diese
unnachgiebige Kraft, die plötzlich alles überdeckt und dann etwas
Neues entstehen läßt. Eine neue Vision vielleicht, alles Alte wird
zerstört und es entsteht etwas Neues.
Walter de Maria hat in den 60er Jahren kilometerlange Linien durch die Wüste
Nevadas gezeichnet, als bewußte Wahrnehmung der Erde als Landschaftsgestalt
und als Stoff. Wie begreifst du deine Arbeit?
Ich finde Orte, an denen Denk- Zeit- oder Materialströme erlebbar sind.
Anfangs wollte ich, daß diese drückende oder vielleicht auch unsichere
Haltung in Berlin, also die Gedankenströme, die seit '89 durch Berlin
hindurchgehen, erweitert werden zu einer Vision. Es entstanden TV-Videospots
mit Berlin-Bildern, zu denen ein Nachrichtensprecher aktuelle Ausbruchstellen
mitteilte.
Dann interessierte mich das Material, das einen ständig umgibt: Sand,
Steine, Mauern, die plötzlich abgebrochen werden und Freiräume entstehen
lassen; das sinnliche Wahrnehmen der Materialströme auf Baustellen und
der Wechsel von der 2. in die 3. Dimension. In einer Land -Art Aktion übertrug
ich die Höhenringe von Vulkankarten auf Baustellenaufwerfungen und markierte
deren Auf- und Abbau. So konnte die Idee des Vulkans nachvollzogen werden, was
ja auch ein bildhauerisches Sehen der ganzen Stadt ist. Ich sehe die Stadt als
Modell. Durch dieses Modell beginnt nun eine Reise, wobei sich Reisender und
Modell ständig ändern können.<
Kunstforum International: Atlas der Künstlerreisen, Bd. 137, 1997