[english]
Pole. Räume. Resonanzpunkte
Manche Träume ersticken an ihrer eigenen Verwirklichung. Die idealistischen
Höhenflüge im Rahmen urbanistischer Gesamtentwürfe sind typische Kennzeichen
der Moderne. Das Hochkommen des "New Urbanism" in den vergangenen zwanzig Jahren
und das gleichzeitige Verschwinden utopischer Modelle, charakterisiert den gegenwärtigen
stadtplanerischen Pragmatismus in den USA und Europa.
†ber den Streit um urbane Verdichtung steht die Gefahr der Zersiedelung der
Peripherie gegenüber mit ihren unersättlichen Trassennetzen, die unentwegt anschliessen,
ohne wirklich zusammenzuschliessen. Immer wieder haben sich Künstler/Innen in
die Diskussion um Stadt- und Architekturmodelle eingemischt - mit provozierend
politischen Argumentationen, Selbstversuchen, Selbsthilfeaktionen, ironischen
Neudefinitionenund Umgestaltungen.
Das Werk von Valeska Peschke birgt vielerlei Anstösse und Querverbindungen
zu diesem Thema: nachdenklicher und intensiver als andere hat sie sich mit
Stadterleben und der Idee der heutigen neuen alten Stadt ( Berlin), der Stadt
in ihrer Ver- und Entsorgungsfunktion sowie ihren Resten, Auswürfen und
Ablagerungen befasst. VP: "Mein Raum ist die Idee, die ich durchgehe wie bei
einer Reise. Die Stadt besteht für mich aus Orten, an denen Denk- Zeit-
und Material ströme erlebbar sind. In meiner Arbeit geht es um die Entwicklung
konzeptioneller Welten und Handlungsanweisungen, die die Möglichkeit bieten,
diese zu erleben oder zu beschreiten. Aus der Beobachtung, wie sich die Modellwelten
zur Umwelt verhalten, ergeben sich Prototypen von Objekten oder Behausungen
wie auch kartographische und topologische Untersuchungen. Durch diesen Raum
beginnt eine Reise, wobei sich Reisende und Modell ständig ändern
können." 1)
Am Beginn einer Reihe von Versuchsanordnungen steht zwischen 1993-96 das Auffinden,
Beobachten, Dokumentieren und das Experimentieren mit "Vulkanen in Berlin".
Auf den ersten Blick wirkt die Idee exotisch. Denkt man die "Metapher Vulkane"
hin auf den politischen und städtebaulichen Umbruch Berlins, steht die
Lösung klar vor Augen: "Am 2. November 1989 gleicht das Zusammentreffen
von West- und Ostberlin dem Zusammenstoss zweier Kontinentalplatten. Ausbrüche
und Beben bestimmen vor allem den Ostteil der Stadt. Die Topographie ändert
sich. Brachflächen werden unvermittelt zu Erdaufschüttungen. Baulücken
öffnen sich zu Kratern. Ein Gebirge aus Vulkanen manifestiert sich und
breitet sich aus ... Der Vulkan demonstriert die Substanz der Umwandlung in
der Stadt, im Denken, im Handeln, in der Häuslichkeit."2) Mit Aktionen
im Stadtraum, Busrundfahrten "durch die vulkanischen Gebiete mit Erkundung
des Geländes und Sammlung von Gesteinsproben, Auswürflingen " 4)
Dia-Vorträgen, TV Nachrichtenspots, einem Reisebuch und einem "Vulkanset"
lockt sie Interessierte in die Veränderungszonen der Stadt und betreibt
Erinnerungsarbeit ebenso wie die Stabilisierung von Randbedingungen an den
neuralgischen Punkten der Mentalitätsgeschichte der Deutschen aus Ost
und West. Auf dem Weg zur professionellen Vulkanarbeiterin bestimmte sie sechs
Typen traditioneller Vulkan- (bzw. sozio-moralischer Blind-) stellen und nannte
unter Publikumsbeteiligung Krater und Krisenherde beim Namen. Die Behauptung
vom globalen Sieg der westlichen Demokratien gliedert sie in die Kategorien
"ständige Vulkangefahr" bis "schlafender und explosiver Vulkan": Sogar
an ein Regelwerk zur "Selbsthife bei einem Ausbruch" 5) hat Valeska Peschke
gedacht. Vom Kopfschutz über den Genickschutz bis zum Ganzkörperschutz
reichen die Leitlinien für den Katastrophenschutz im Zuge der deutschen
`Nations(neu)bildung 6). Peschke bewies Realismus und einen lebenspraktischen
ironischen Ansatz: "Ohne Vulkane kein Leben". Nur Experten gelingt das Design
eines Abenteuers.
Mit "Fuzzy Camp"( 1997) hat die Künstlerin eine Ansammlung von Zeltkonstruktionen
in variablen Höhen kreiert, die als "Sondermodelle `97 für eine Stadt auf Durchreise"
gelten können. "Das Wesentliche am Zelt ist, dass man es aufschlägt, sich oder
etwas darunter verbirgt, um es dann wieder zu falten. 7) "Gerade das Vorläufige
erweist sich aber in der Stadt ständig als das Dauerhafte ". 8) "Fuzzy Camp",
diese aus transparentem PVC und schwerem, bunt gestreiftem Segeltuch gefertigten
Interimsbehausungen für Stadtflüchter, bilden im öffentlichen Raum mehrere eher
privat anmutende Raum- und Rückzugssituationen. Weil man in die Zelte und Zeltfragmente
(manche sind nur noch mit Spannseilen gehaltene Störfakroren bzw. Zelt-Symbole)
hineinschauen kann, überlagern sich ausserdem Aussenwahrnehmung und Selbstwahrnehmung.
1997 beginnt die Künstlerin eine skurrile Wanderung, die sie einen ganzen Monat
lang über den Holzfussboden eines 12-qm Zimmer«s führt. Am Ende liegt eine genaue
Kartographie des klaustrophobisch Alltäglichen vor mit Wegen vom Sessel zur
Stereoanlage zur Stehlampe zum Bücherregal zum Fernseher zum Arbeitstisch zum
Stuhl zum Telefon zum Beistelltisch. Ihre Sehnsucht nach Schauplätzen, nach
Ferne, nach Welt kulminiert, bevor es zu einem Abenteuer kommt, in der kunstinternen
Frage nach dem Status des Sehens und Gesehenen. Ziemlich trocken, möchte man
meinen. Am Ende des Sich-selbst-Erwanderns liegt eine Art Atlas vor, der weder
positive noch negative Intensitäten aufweist, einfach ein Zirkulieren zwischen
Blockierungspunkten anschaulich macht. Valeska Peschke`s Reisebeschreibung geht
über die romantische Transzendenz des Realen als intensive Grösse hinaus und
konzentriert sich ganz auf den Akt des Umherschweifens.
Gespannt hält die Künstlerin Ausschau nach jenen Territorien, die man weniger
mit den Füssen begehen als vielmehr fühlen kann. Guy Debord hat das "die psychogeographischen
Bodenprofile" genannt. Alle ihre Objekte und Unternehmungen sind letztendlich
"Raum-Detektoren", mit denen sie in kontemplative Bereiche zielt. Das heisst
nicht, dass Valeska Peschke auf physische Direktheit verzichten würde. Im Gegenteil,
ihr Projekt "Plug in-Plug out: Instant Home" (1998-99) setzt geradezu auf einen
körperbetont ganzheitlichen, fast freizeitsportlichen Anspruch. Dieses Instant
Home in beigem Vinyl, mit dem sie durch Kalifornien gezogen ist, ist eine gigantische
aufblasbare Wohlfühl- Wohnzimmereinrichtung incl. Kamin und eregierbarer Stehlampe,
die als Persiflage auf den Traum von der totalen Unabhängigkeit gelten kann,
aber eben auch von Kindern spontan als Hüpfburg in Beschlag genommen wird. Selten
hat jemand dem Popismus der Softies im Stile Claes Oldenburg so heiter und zugleich
klug die Luft «rausgelassen.
Christoph Tannert 18.01.2000
1)Valeska Peschke, unveröffentlichte Konzeptbeschreibung, Berlin 2000
2) Valeska Peschke, Vulkane in Berlin. Ein Reisebuch (Katalog), hg. Vom Goldrausch
Frauennetzwerk Berlin e.V., Künstlerinnenprojekt, anlässlich der
Ausstellung im Martin-Gropius Bau, Berlin Juni 1996, S.2
3) Ebd., S.3 4) Kunstforum, Bd.137 Juni-Aug.Atlas der Künstlerreisen
5)Ebd.,S.38-39 6)Christian Meier, Die Nation, die keine sein will, München 1991
7) Vilem Flusser, Die Stadt als Wellental in der Bilderflut, Referat zum steirischen
Herbst «90
8) Boris Groys, Die Stadt auf Durchreise, Logik der Sammlung, München, 1997
plutonics//boxes, Valeska Peschke, Katalog zur Ausstellung, Dresdner Bank, Frankfurt/Main,
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